Instrumentalisierung der Transsexuellen

Interview mit Trischa Dorner

Mit dem Artikel “Instrumentalisierung der Transsexuellen” in der Blauen Narzisse hat die Diplom-Sozialwissenschafterin Trischa Dorner für viel Diskussionsstoff in den Sozialen Netzwerken der deutschen Transsexuellenbewegung gesorgt.

VTSM: Hast du mit einer derartigen Reaktion gerechnet?

Trischa Dorner: Ich wollte mit dem Artikel eine Diskussion auslösen. Dass mir das gelungen ist freut mich. Ich selbst lerne durch die Reaktionen und auch durch kritische Feedbacks. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lesern für das freundliche Interesse bedanken. Jede Reaktion hat ihre Berechtigung. Es entstand so etwas wie eine Momentaufnahme eines Konflikts um queere Ideen und transsexuelle Wirklichkeiten. Das ist unglaublich spannend.

VTSM: Was hat dich bewegt den Artikel zu schreiben und ihn in der BN zu veröffentlichen?

Trischa Dorner: Der sprichwörtliche Zufall. Die BN hat an anderer Stelle in einem Interview gefragt, ob es in einer Partei wie der AFD auch einen Raum für homosexuelle und transsexuelle Menschen gibt und Betroffene diesen mit Leben erfüllen. Bis zu diesem Augenblick kannte ich auch nur meine Vorurteile über die AFD. Die BN kannte ich gar nicht. Aber dadurch wurde ich darauf aufmerksam, dass die AFD eine sogenannte Bundesinteressengruppe (BIG) für Homosexuelle und Transsexuelle hat. Das löste meine Neugierde aus. Und so habe ich mich in die Zusammenhänge eingelesen und mir dann bei Youtube Beiträge von Beatrix von Storch angeschaut. Sie ist ja die einzige Gender-Kritikerin im EU-Ausschuss, für die Rechte der Frau und Gleichstellung der Geschlechter (FEMM). An mindestens zwei Stellen habe ich für mich festgemacht, dass es ihr nicht um homophobe oder transphobe Standpunkte geht. Natürlich kenne ich auch ihre Polemik in Bezug auf die Geschlechter bei Facebook und man kann natürlich AFD-Vertretern vorwerfen, dass es ihnen am Respekt gegenüber queeren Lebensentwürfen fehlt. Aber das muss nicht synonym mit Homophobie und Transphobie sein. Ich habe dann versucht am Beispiel Berlin festzumachen, warum dieser queertheoretische Ansatz für transsexuelle Menschen nicht sonderlich gut ist. Einen expliziten AFD-Aufsatz wollte ich nicht schreiben, sondern lieber etwas zu Berlin. Transsexuelle werden hier queerpolitisch spiegelbildlich zu LGBT verortet. Die Verantwortlichen sind gegen jede Kritik immun. Das war mir der Aufsatz wert. Ich glaube nicht, dass mein queerkritischer Artikel irgendwo anders publiziert worden wäre. In Deutschland darf Queer tendenziell ohne Kritik auskommen und den Raum einer vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit erfassen. Genau diesen Punkt kritisiere ich, weil queer aus einer LGBT-Umgebung kommt. Die Wirklichkeit von heterosexuellen, transsexuellen und eigentlich auch intersexuellen Frauen bricht sich sehr oft an dieser queeren Perspektive.

VTSM: Eine der Hauptaussagen in deinem Artikel ist "Transsexualität ist nicht politisch und kein Gruppenphänomen".

Trischa Dorner: Das Hauptproblem ist, dass diese Thematik um Transsexuell, Transgender und Queer in einem zunehmend vergifteten Klima stattfindet. Deshalb sind sachliche Diskussionen immer schwieriger. LGBTQ-Aktivisten postulieren für sich einen Art dogmatischen Alleinvertretungsanspruch für Transsexuelle. Transsexuelle sollen bitte akzeptieren, dass sie Transgender sind und als Trans* oder transgeschlechtliche Personen sich queer deuten und verorten lassen. Das wäre ungefähr so als ob aus LGBT das L für Lesben gestrichen würde und sie als Homo* und schwul verortet würden. Das geht natürlich nicht. Das wird aber gerade mit transsexuellen Menschen so ähnlich gemacht. Das funktioniert, weil transsexuelle Menschen keine starke homogene Gruppe sind. Transsexuelle Menschen sind nicht immer automatisch Transgender, weil sie eine andere Spezifik haben losgelöst aus LGBT-Kontexten.

Sie geben ihrer Geschlechtlichkeit keine politische Bedeutung, sondern sind binär Frauen oder Männer. Ihr Problem ist die rechtliche Anerkennung, medizinische Leistungen und die ganz einfache gesellschaftliche Teilhabe. Ihre Wirklichkeit ist aber davon gekennzeichnet, dass sie oft nicht auf Akzeptanz treffen und ausgeschlossen bleiben. Transsexuelle Menschen sind auf Grund der gesellschaftlichen, rechtlichen und medizinischen Wirklichkeiten nicht frei. Das werden sie auch nicht durch LGBTQ-Thesen in Bezug auf trans*. Das ist auch eine Schwachstelle der Queer Theory, weil sie Transsexuelle gar nicht begreift sondern nur Transgender erfasst.

Das liegt nicht etwa daran, weil es in der englischen Sprache nicht beide Begriffe gibt. Natürlich gibt es auch im Englischen “transgender” und “transsexual”. Aber die Queer Theory ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass sie von Menschen entwickelt wurde, die in klassischen LGBT-Räumen des späten 20. Jahrhunderts denken. Die schwule und lesbische Szenerie ist bestimmt durch ungeschriebene Gesetze, Regeln und Geschlechtsrollenbilder (Boy, Femme, Butch, Drag) die in sich sehr starr sind. In einen Darkroom kommt keine Lesbe. In einer Schwulenkneipe finden Transgender als Drags auf der Bühne statt. Jeder hat seinen Platz. In dieser schwulen und lesbischen Welt gibt es einen kleinen Raum für Transgender aber von heterosexuellen Frauen und Männern fühlt man sich schon tendenziell gestört. Transsexuelle Frauen nimmt man in ihrer Spezifik gar nicht erst wahr. Deshalb fallen sie auch in der queertheoretischen Idee vollkommen raus.

Wenn Menschen in ihrer Spezifik weder bekannt sind, noch sichtbar werden können oder dürfen, weil das vielleicht ein Teil der transsexuellen Problematik ist, dann können sie auch nicht politisch werden. Sie bleiben momentan in einem voremanzipierten Raum gefangen und kontrolliert. Transsexuelle Menschen werden vielleicht in der Geschichte Päpstin oder Jungfrau von Orleans aber bestimmt denken sie nicht in biologistischen Geschlechterbildern und entwickeln neue politisierende Geschlechterrollen. Das ist eher ein Transgender-Szenario ohne Wertung sondern als Feststellung. Queere Ansätze verhelfen Menschen aus dem LGBT-Spektrum besser zu partizipieren. Transsexuelle Menschen kommen aber oft gar nicht so weit, dass sie in ihrem ganz einfachen Menschsein auf Akzeptanz treffen.

Klassische transsexuelle Diskurse sind im Kontext von Frauen in Armut, Isolation und Prostitution geprägt. In Deutschland werden heute Transsexuelle in den verschiedenen sozialen Räumen oft nur geduldet und sehr oft ignoriert oder sofort ausgegrenzt. Sie haben nur einen prekären Status und kaum Partizipationsmöglichkeiten. Sie sind immer nur von der Gunst ihrer nächsten Umgebung abhängig. Manche schaffen noch nicht einmal ein Verfahren nach dem Transsexuellengesetz. Es sind dann Frauen mit männlichen Papieren.

Transsexuelle sind das nicht besprochene Problem der Queer Theory und deswegen finden sie auch gar nicht erst statt. Dafür hat aber weder die queere Idee noch die LGBT-Bewegung irgendeine Sensibilisierung. Hohn und Spott sind leider umso verbreiteter. Hier spielen auch die deutschen Medien oft eine traurige Rolle.

Die Toleranz von Schwulen hört nicht selten schon bei Lesben auf und umgekehrt. Und gerade die lesbisch-feministische queere Theorie ist schon sehr angefüllt mit tendenziellen Disonanzen gegenüber Transgendern, weil diese ja schließlich Männer seien, die in Frauenräume eindringen würden.

VTSM: Was denkst du wie sich transsexuelle Menschen trotzdem Gehör verschaffen können?

Trischa Dorner: Zunächst möchte ich den Queer-Begriff differenzieren. In manchen politisierenden queeren Zusammenhängen wird teilweise deutlich, dass es gar nicht darum geht einfache Minderheitenrechte zu etablieren, sondern es geht darum so eine Art Oberhoheit über die “richtige” Deutung von Minderheiten zu bekommen, die mit neuen Begriffen wie "trans*" oder "transgeschlechtlich" ausgebaut werden. Das sind Türöffner in den Mainstream. Da das dann so gut wie alternativlos stattfindet bezeichne ich diese Ideenwelt dann auch als ideologisch. Leider hat Queer mit der Wirklichkeit von transsexuellen Menschen wenig zu tun, weil sie in diesen LGBTQ-Kontexten nur teilweise vorkommen. Transsexuelle Frauen leben ein Frausein mit einer sehr bestimmten Minderheitenproblematik in einer sehr speziellen Situation und nicht nur in manchen queeren Räumen von Berlin.

Die queere Idee führt jetzt aber dazu, dass eine gewisse Verunsicherung gegenüber transsexuellen Menschen etabliert wird, weil die queeren Geschlechterszenarios ja Geschlechter auflösen wollen. Gerne werden in diesem Kontext auch Transsexuelle als Beispiele angeführt. Nur das typische von Transsexuellen ist ja gerade, dass sie binär männlich oder weiblich sind und leben. Für Nicht-Transsexuelle erscheinen Transsexuelle manchmal als "erschreckend normal". Das suchen sich die Betroffenen aber nicht bewusst aus sondern das ist das Merkmal von Betroffenen.

Transsexuelle Menschen werden sich aus diesem derzeitigen Dilemma nur schwer selbst retten können. Das Transsexuellengesetz war wahrscheinlich auch nur deshalb möglich, weil es auch in seiner Spezifik quasi ein Transgendergesetz ist. Manche Transgender sind aber ein paar Schritte weiter als Transsexuelle eben weil sie Teil der LGBT-Bewegung sein können. Es fällt ihnen etwas leichter, genauso wie LGBT im Allgemeinen zu partizipieren. Ein Mann der die Rolle Frau lebt wird eher auf Verständnis treffen, als eine Frau, die männlich zugewiesen war aber trotzdem darauf besteht, dass sie eine Frau wie jede andere ist.

Es wird solche und andere transsexuelle Menschen in Opposition zu LGBT-Kontexten weiterhin geben, selbst wenn sie aus allen Gedankenwelten gestrichen würden. Es kommt aber jetzt darauf an, dass sich andere Menschen, wie LGBTQ und die Mehrheitsgesellschaft Transsexuellen gegenüber sensibilisiert. Minderheiten brauchen Schutz. Aber Minderheiten helfen nicht automatisch anderen Minderheiten. Die Etablierung einer LGBT-, Queer- und Trans*-Politik bedeutet nicht, dass auch automatisch Minderheitenpolitik für Transsexuelle stattfindet. Für transsexuelle Frauen müsste sich das Frauenministerium sensibilisieren. das ist aber nicht der Fall. Im Frauenministerium sind transsexuelle Frauen als Arbeitsaufgabe leider unbekannt. Transsexuelle Menschen werden als trans* spiegelbildlich zu LGBT im Familienministerium verortet.

VTSM: Du schreibst auch von dem neuen Menschenbild welches von Trans*- und Queer-Organisationen etabliert werden soll. Transsexuelle Menschen wollen das nicht. Da haben wir dich doch richtig verstanden? Transsexuelle Menschen sind also eindeutig Mann oder Frau?

Trischa Dorner: Transsexuelle Menschen sind konträr zu ihren Geschlechtsbestimmungsfaktoren männlich oder weiblich. Transgender und Transsexuelle sehen aus einer Fremdperspektive ähnlich aus, es ist aber ein Unterschied vorhanden, sonst würde es auch nicht unterschiedliche Begriffe geben.

Transgender können in ihrer Art und Weise besser an schwul-lesbische Szenerien anknüpfen. Transsexuelle Menschen sind im Vergleich zu Transgendern fast spießig und manche queere Leute verachten ja geradezu auch dieses binär männliche und weibliche bei Transsexuellen. Also nur weil die Silbe “Trans” davor steht bedeutet es nicht das selbe. Vielmehr ist die Wortendung bedeutend. Schon Anfang 1900 gab es die Differenzierung von Transsexuell und Transvestit und auch heute gibt es noch Transsexuell neben Transgeschlechtlich, Trans* und Transgender, die synonym sind. Transident ist ein transgenderistischer Terminus aus den 1980ern als eine Transgender SHG auch Transvestiten in diese integrieren wollte, angeblich, weil diese wirtschaftlich stärker waren.

Das eine “transsexuell” ist ein biologisch-medizinisch determinierter Begriff in der Tradition der Naturforschung biologischer Vielfalt des 18. Jahrhunderts, der philosophisch rezipiert wurde und das andere “transgender” ist ein sozialwissenschaftlicher-behaviouristischer Begriff mit einer großen Nähe zu schwulen und lesbischen Lebenswelten. Das ist keine Wertung sondern ein Teil der Geschichte.

VTSM: Du führst danach aus, dass Trans* etwas neues ist und Transsexualität seit langem existiert. Ist das für dich eine Folge der Dekonstrukltion der Geschlechter die von Michel Foucault, Judith Butler und anderen im Zuge der Feminismusbewegung eingeleitet wurde und jetzt von der Queer-Theorie-Forschung fortgesetzt und ins Extrem betrieben wird?

Trischa Dorner: Trans* bedeutet als Begriff auch eine politische Agenda. Die gute Idee dahinter ist, dass deren Aktivisten etwas für Transgender erreichen möchte und sich die LGBT-Bewegung als Vorbild nimmt. Das ist durchaus klug und auch richtig und wichtig, dass das stattfindet. Das Problem ist nur, dass in dieser guten Idee kein Platz für Transsexuelle in ihrer Spezifik ist. Das mag zum einen daran liegen, dass Transsexuelle mit LGBTQ nicht so viel gemeinsam haben und das liegt auch daran, weil die trans*-Idee auch einen neuen gesellschaftlichen Raum sucht und gefunden hat. Immer neuere Wortschöpfungen angepasst an einen Zeitgeist wie Transvestit, Transgender, Trans* und Transgeschlechtlich ermöglichen es einer sehr potenten Bewegung neue soziale Räume zu definieren und zu erschließen. Nicht wenige transsexuelle Menschen können da oft nicht mithalten und wollen aber auch weiterhin ganz langweilig im klassischen binären Mann-Frau-Zweigeschlechterraum verbleiben. Das finden queere Aktivisten sehr oft abwegig.

Von Wertungen möchte ich mich in diesem Zusammenhang distanzieren. Es geht hier nicht um ein einfaches richtig oder falsch. Das Grundproblem ist auch dadurch nochmal sehr komplex, weil natürlich auch Transgender eine transsexuelle Dimension haben und verteidigen. Ferner geht es bei pro und kontra transsexuelle Wirklichkeiten nicht um die Zahl der chirurgischen Eingriffe. Die verschiedenen Begrifflichkeiten bieten sich an ein Schubladendenken voranzutreiben. Menschen sind aber komplexer. Jeder Mensch kann, so auch die philosophische Rezeption der biologischen Vielfalt, z. B. eine transsexuelle Dimension besitzen und gleichzeitig in unterschiedlicher Form transsexuell, transgender und homosexuell oder heterosexuell sein. Bei originär transsexuellen Menschen ist dieses Thema jedoch omnipräsent und nicht die Frage einer einfachen sozialen Geschlechtsrolle. Queer ist aber unabhängig von transsexuellen Menschen schon einen Schritt weiter, weil Nicht-transsexuelle Menschen sehr viel freier in ihrer sozialen Rollenfindung sein können. Die queere Trans*Idee würde vielleicht sogar transsexuelle Menschen erreichen, wenn sie diese in ihrer Spezifik wahr nimmt. Die Idee von Judith Butler hat Mängel. Das bedeutet aber nicht, dass LGBTQ-Aktivsiten nicht auch transsexuelle Menschen erreichen sollen und müssen. Es ist ihre wichtige Aufgabe hier sehr genau die unterschiedlichen Minderheiten wahrzunehmen und zu unterstützen. Sie können sich nicht damit herausreden, dass der Feminismus keine Transsexuellen kennt oder akzeptiert. Sie müssen auch zusehen, dass fragwürdige Geschlechterszenarios, die Menschen abwerten, entdeckt und gestrichen werden.

VTSM: Was meinst du warum sich die homosexuelle Bewegung so sehr um Trans* bemüht?

Trischa Dorner: Eine größere Gruppe fällt stärker ins Gewicht. LGBT war schon der künstliche Zusammenschluss von sehr unterschiedlichen Menschen, die jeder für sich auch keinen Gruppencharakter haben. LGBT, Queer, trans* sind immer auch politische Begriffe. Hier geht es um das Durchsetzen von bestimmten gesellschaftspolitischen Visionen. Das Problem ist nur, wenn sie andere Minderheiten nihilisieren. Trans* kann leichter an LGBT anknüpfen, weil die Lebenswirklichkeiten ähnlich ist. Trans* findet auch meistens in LGBT-Räumen unter schwul-lesbischer Federführung statt. In Alternative dazu gibt es noch queere Räume die ähnlich wie LGBT-Räume funktionieren. Transsexuelle Menschen die sich nicht über LGBTQ definieren finden hier nicht statt.

VTSM: Meistens wird dann Trans- und Intersexualität in einem Zuge mit sexuellen Ausrichtungen genannt. Ist das nicht eher schädlich für eine vernünftige Aufklärung?

Trischa Dorner: Bei diesen Minderheiten geht es nicht um ihre Sexualität sondern um die rechtliche Gleichstellung und Menschenwürde. Homosexuelle Menschen möchten ein vollständiges gesellschaftliches Leben ausfüllen. Das ist auch ihr Recht. Und wenn sie es nicht können bekommen sie es nach und nach rechtlich durchgesetzt. Das selbe wollen Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle. Nur leider scheint das individuelle Durchdeklinieren und bedarfsgerechte ausrichten von Grund- und Menschenrechten in Deutschland noch ein Problem zu sein. Transsexuelle Menschen haben mit Sicherheit ein Partizipationsproblem.

Eine Aufklärung wäre dann vernünftig, wenn sie nicht nur eine Minderheit im Blick hat oder andere Minderheiten als trans* grob zusammenfasst, sondern wenn sie entweder sehr generell oder spezifisch ist. Eine reine queertheoretisch angelegte Aufklärung wäre wie katholischer Zwangsreligionsunterricht für alle.

VTSM: Wo siehst du das Problem, oder warum meinst du wird Transsexualität immer weiter verdrängt. Heute scheint ja gerade in Berlin nur noch mit den Begriffen Trans* oder Transgender gearbeitet zu werden. Zwischen Transgender und Transsexuellen besteht aber doch ein riesiger Unterschied.

Trischa Dorner: Das liegt daran, weil in Deutschland im allgemeinen und in Berlin im speziellen LGBTQ-Politik durch schwul-lesbische Kontexte dominiert wird. In ebendiesen sind sehr oft transsexuelle Menschen unbekannt oder vielleicht werden sie sogar als störend empfunden. Die Idee transsexuelle Wirklichkeiten in die deutsche LGBTQ-Politik zu integrieren wird von den Verantwortlichen als eine ziemliche Zumutung empfunden. Betroffene, die sich als Transsexuelle binär männlich oder weiblich verorten sollen doch froh sein, was im Bereich der trans*Politik entsteht und sich bitte tendenziell anpassen. So der ungefähre Tenor der verschiedenen Akteure. Es besteht aber auch ein qualitativer und quantitativer Unterschied zwischen Transsexuellen und Transgendern. In der Idee von LGBTQ gibt es zahlreiche Betroffene hinter dem Transgenderbegriff vom Genderblender über den Crossdresser bis zur Transsexuellen und deshalb sind sie in dieser Wirklichkeit gleich. In der Idee vom queeren Trans* müssen sie gleich sein und für die Mehrheitsgesellschaft sehen sie theoretisch auch gleich aus.

Insbesondere von der LGBTQ-Bewegung wird propagiert, dass "Transgender" der generelle Oberbegriff sei. Für die transsexuellen Betroffenen, die sich selbst in LGBTQ-Kontexten verorten mag das sogar richtig sein. Andere Transsexuelle nehmen sich selbst spezifischer wahr, weil auch ihre Ansprüche in Bezug auf rechtliche Anerkennung und medizinische Maßnahmen sehr viel konkreter sind als von Crossdressern die auch als Transgender gelten.

Transsexuell zu sein spiegelt aber auch die prekäre Geschichte von Minderheiten in Deutschland wieder. Sie sind sozial oft unerwünscht und werden deplatziert. Ein “normales”, “bürgerliches” oder “soziales” Leben ist für transsexuelle Menschen nicht selten schwierig. Aber nicht weil sie selbst “anders” sind, sondern weil Betroffene nicht in die wohlgeordnete Welt ihrer Mitmenschen passen. Das ist auch in Berlin so und auch in den LGBTQ-Räumen. Gut gemeinte Trans*Projekte scheitern an den Wirklichkeiten von explizit transsexuellen Menschen, weil Betroffene meistens nicht als Männer die als Frauen leben wahrgenommen werden wollen. Betroffene wählen dann mitunter lieber die Isolation als die Konfrontation gerade wenn queere trans*Politik biologistische Geschlechterbilder zementiert bevor die Freiheit sichtbar wird.


Vielen Dank Trischa Dorner für dieses informative Interview

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